Interview

Was Rang und Namen hat,
ist in Kanada "dabei"

Interview mit Uwe Harnack,
Deutsch-Kanadische Industrie- und Handelskammer


Uwe Harnack

AW: Das Bruttoinlandsprodukt Kanadas ist 2002 mit einem Plus von 3,4 Prozent einmal mehr deutlicher gestiegen als in den USA. Auch in diesem Jahr liegen die Prognosen höher als beim "großen Nachbarn". Wie erklärt sich der Wachstumsvorsprung, zumal da etwa 80 Prozent der kanadischen Ausfuhr in die USA gehen?
Harnack: Folgenden Gründe können das Wachstum Kanadas gegenüber den USA erklären: Auslagerung von US Produktionsstätten. In den USA findet seit einiger Zeit eine Umstrukturierung statt, die unprofitable Herstellungsstandorte in Drittländer verlagert. Zwar geht diese Auslagerung im wesentlichen zugunsten von Billiglohnländern.

Auch Kanada profitiert hiervon in einigen Bereichen, wie der Automobilindustrie oder der holzverarbeitenden Industrie, wo der billige kanadische Dollar und damit geringere kanadische Löhne und allgemein niedrigere Betriebskosten zu amerikanischen Investitionen geführt haben. Hinzu kommen generell gute Wirtschaftsbedingungen: so eine von der Zentralbank geschickt gepflegte kanadische Währung, die ausländisches (insbesondere amerikanisches Kapital anzieht. Ein weiterer Grund die vielleicht durch amerikanische Investitionen unterstützte Vollbeschäftigung, die bislang Einbrüche im Kaufverhalten der Kanadier verhinderte. Schließlich ist die Zinspolitik der Zentralbank zu nennen, die den Kauf auf Kredit - insbesondere den hypothekenbelasteten Kauf von Wohnungen und Eigenheimen - auf immer neue Höhen treibt.
AW: Wo liegen die herausragenden Vorteile der NAFTA, der nord-amerikanischen Freihandelszone, für Kanada und die dort angesiedelten ausländischen Firmen?
Harnack: Damit kein Mißverständnis aufkommt: NAFTA ist nur für im NAFTA Raum

produzierende Firmen von Interesse. Eine deutsche Firma, die in den NAFTA Raum importieren will, gewinnt nichts dadurch, dass sie sich eine Basis (etwa ein Auslieferungslager) in Kanada zulegt. Ihre Waren werden beim Import in die USA ebenso belastet, als würden sie direkt aus Deutschland kommen.

"Kanadier sind keine Amerikaner und möchten als solche auch nicht bezeichnet werden"

Anders sieht es aus bei einer Produktion in Kanada: Waren, die den Ursprung Kanada oder USA (oder Mexiko) tragen, können zollfrei in das jeweils andere NAFTA Land importiert werden. Der Warenurprung bestimmt sich nach den allgemeinen Zollregeln; im Grundsatz muß der Warenwert mehrheitlich in dem Land geschaffen worden sein, dessen Ursprung man geltend machen will. Das kann mitunter Probleme schaffen, wenn die einzige Wertschöpfung in Kanada in einem Metallkasten für eine hochwertige Maschine besteht. Eine Anfrage bei

Kennzahlen Kanada
Bevölkerung: 34,41 Mio., Bruttoinlandsprodukt: 727,4 Mrd. US-$

2000
2001
2002
1.Q.2002
2.Q.2002
3.Q.2002
4.Q.2002
1.Q.2003
Verbraucherpreise % y/y
2,7
2,5
2,3
1,6
1,3
2,3
3,8
4,4
Produzentenpreise % y/y
4,3
1,0
0,1
-1,1
-1,5
0,3
2,5
2,0
Arbeitslosenquote %
6,8
7,2
7,6
7,8
7,6
7,6
7,5
7,4
Industrieproduktion % y/y
5,7
-3,4
1,6
-1,8
0,1
3,6
4,8
-
Leistungsbilanz Mrd. C-$
27,8
30,1
17,3
5,4
4,4
4,2
3,3
-
Handelsbilanz Mrd. C-$
56,3
60,9
47,5
13,1
11,0
11,2
12,2
16,0
10 Jahre %
5,93
5,48
5,30
5,45
5,57
5,11
5,07
4,99
3-Monatsgeld %
-
3,77
2,59
2,13
2,59
2,89
2,74
2,94
Wechselkurs C-$/US-$
1,49
1,55
1,57
1,59
1,55
1,56
1,57
1,51

der Deutsch-Kanadischen Industrie- und Handelskammer genügt mitunter, um in dieser Sache Klarheit zu haben.

Allerdings gibt es Gesichtspunkte allgemeiner Art, die für eine Ansiedlung in Kanada sprechen: Das Land ist europäisch geprägt. Kanadische Städte sehen anders aus, wirken europäischer, natürlich mit nordamerikanischem Einschlag. Man sieht es im Warenangebot, man sieht es auch im Straßenverkehr. Kanadier sind keine Amerikaner und möchten auch nicht als solche bezeichnet werden. Kanadier haben nicht das "not invented here"-Syndrom der Amerikaner; sie sind importierten Produkten gegenüber wesentlich aufgeschlossener. Manche deutschen Anbieter machen diese Tatsache zum Teil ihrer Strategie und benutzen die in Kanada verkauften Anlagen oder Projekte als Referenz für potentielle amerikanische Kunden. Kostenfaktoren sprechen schließlich häufig für eine Ansiedlung in Kanada: der kanadische Dollar ist - trotz der US-Dollerschwäche immer noch leicht unterbewertet und macht Investitionen interessant.

Kanadische Zentralbank hält die Zinsen über dem US-Niveau

AW: Der kanadische Dollar kletterte im April entgegen den zum Jahresanfang gehegten Prognosen im April auf ein Drei-Jahres-Hoch. Ist das primär eine Folge des schwächeren US-Dollars oder schlagen da auch Zinsvorteile Kanadas zu Buche?
Harnack: Der Grund ist eindeutig die US-Dollarschwäche. Die kanadische Bundesbank pflegt die kanadische Währung von alters her dadurch, dass sie den kanadischen Zinssatz deutlich über dem US-amerikanischen hält. Das war vor dem Kursanstieg so und hat sich nicht geändert.
AW: Die deutschen Exporte nach Kanada sind im vergangenen Jahr um rund 6 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro gestiegen. Wie beurteilen Sie die deutschen Exportchancen in diesem Jahr?
Harnack: Wir erwarten im laufenden Jahr eine Abschwächung der deutschen Exporte nach Kanada. In einzelnen wichtigen Branchen, wie dem

Automobilexport geht der Absatz bereits jetzt zurück. Nicht speziell von deutschen Wagen. Vielmehr schwächelt der gesamte nordamerikanische Automarkt. Das gleiche gilt für die Flugzeugindustrie. Von einer umstrukturierenden Air Canada wird man dieses Jahr keine Airbus-Käufe erwarten können. Hinzu kommt, dass der fallende US-Dollar generell die Wettbewerbssituation deutscher (und anderer) Produkte verschlechtert. Dennoch erwarten wir keine katastrophalen Einbrüche im deutsch/kanadischen Handel.
AW: Welches Gewicht haben deutsche Direktinvestitionen in Kanada?

In Kanada gibt es 470 Niederlassungen deutscher Unternehmen

Harnack: Die Deutsch-Kanadische Industrie- und Handelskammer zählt in ihrer Veröffentlichung "Deutsche Firmen und Firmenbeteiligungen in Kanada" 470 deutsche Niederlassungen in Kanada auf. Alles, was Rang und Namen hat in der deutschen Industrie ist auch in Kanada vertreten. Die deutschen Direktinvestitionen zu bewerten, fällt dennoch schwer. Zwar werden nach wie vor die Nettotransfers von der Deutschen Bundesbank ausgewiesen. Die deutschen Firmen in Kanada finanzieren sich aber längst nicht mehr (nur) durch Kapitaltransfers der Mutterhäuser in Deutschland. Insbesondere Erweiterungsinvestitionen erfolgen durch reinvestierte Gewinne, Kreditaufnahmen im Ausland oder, angesichts der globalen Ausrichtung vieler Firmen, aus Quellen, die nicht in Deutschland liegen.
AW: welche Hilfsstellungen bietet das AHK Partnerbüro Kanada deutschen Unternehmen bei einem Engagement in Kanada?
Harnack: Im Vorfeld evtl. geplanter Eigeninvestitionen in Kanada sind in der Regel zunächst Markinformationen gefragt, werden Geschäftspartner gesucht etc.. Zeitlich aktuell und ohne auf einen Besuch aus Kanada warten zu müssen, unterbreitet das Partnerbüro den Unternehmen in Deutschland "maßgeschneiderte" Problem-Lösungsvorschläge im Rahmen des AHK-Leistungsspektrums nach eingehender Aufnahme der jeweiligen individuellen betrieblichen

Ausgangssituation. Als Beispiel eines Gemeinschaftsprojektes sei im Rahmen der Vertriebspartnersuche die PVH-Vermittlung erwähnt. Ausgehend von einer unverbindlichen Vorprüfung in Kanada werden bei positivem Ergebnis im Auftragsfalle potentielle Stützpunkthändler (PVH = Produktions-Verbindungs-Händler), ermittelt, ausgewählt und gegebenenfalls vorgeschlagen.

AHK-Partnerbüro Kanada
Außenhandels-Partnerbüro
der Deutsch-Kanadischen
Industrie- und Handelskammer

Unterstützung zur Erschließung des kanadischen Marktes beiderseits des Atlantiks

Im Vorfeld unternehmerischer Eigeninvestition wirtschaftliche Selbsthilfe - bei Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel
   
Ihre Ansprechpartner:
  in Deutschland
  AHK-Partnerbüro Kanada
Am Wiesenhang 22
42859 Remscheid
www.canada-partner.net
E-Mail: info@canada-partner.net
Tel: 0049/2191/388-820

Fax: 0049/2191/388-225
   
  in Kanada
  Deutsch-Kanadische IHK
480 University Ave., Suite 1410
Toronto/Ontario M5G 1V2
www.germanchamber.ca
info.toronto@germanchamber.ca
Tel: 001/416/598-3355
Fax: 001/416/598-1840

 

AussenWirtschaft 7/2003


Außenhandels-Partnerbüro Kanada- D-42859 Remscheid -
Am Wiesenhang 22
- Phone +49 (2191) 388-820,  Fax +49 (2191) 388-225
info@canada-partner.net
http://www.canada-partner.net
http://www.aussenhandelspartner.de


Copyright 2008 by Aussenhandels-Partnerbüro Kanada,
aktualisiert am
01.06.2008